WARUM MIT NOTEN KONZERTIEREN?
1. Die schriftliche Überlieferung ist ein wesentliches Element der abendländischen Kunstmusik. Das Auswendiglernen von vielen hundert Musikstücken, die jeweils Minuten bis Stunden dauern können, ist nicht nur
zeitraubend, sondern auch, außer zu pädagogischen Zielen, als bloße circensische Leistung weder Mittel zum Zweck noch von irgend einem künstlerischen Wert.
2. Die aktive Gedächtnisleistung beim Reproduzieren kann die Konzentration auf die Gestaltung behindern. Die passive Gedächtnisleistung als bloßes Wieder-Erkennen des früher studierten Notentextes beim Nachlesen
läßt hingegen für die Gestaltung genügend Energien frei. Der Künstler kann qualitativ mehr vermitteln.
3. In den letzten 400 Jahren sind mindestens 300.000 Klavierwerke von einigem Anspruch entstanden; mindestens 10% sind von so hohem künstlerischem Wert, daß sie vorgetragen zu werden verdienen. Die Lebensleistung
eines auswendig konzertierenden Pianisten übersteigt auch in herausragenden Fällen selten 500 Einzelstücke. Wer auswendig konzertiert, verzichtet also auf vieles Schöne. Solche Askese ist gerade „in dürftiger Zeit” fehl am
Platze.
4. Auswendigspiel wird aus Gründen der Konvention bzw. einer etwa 150jährigen dubiosen Tradition erwartet - wird es das? Eine gewisse Sensationslust des (inzwischen fast ausgestorbenen) Bildungsbürgertums mag
dazukommen. Aber wird die Musik dadurch besser? Verfolgt man bei auswendig konzertierenden Pianisten den Notentext, ist die Diskrepanz zwischen dem Notierten und dem Gehörten meist ziemlich verblüffend.
5. Die Künstlerschaft ist demnach durch Auswendigspiel stark gefährdet, und der Interpret ist zu einem beschränkten Repertoire gezwungen. Spiel von den Noten hingegen bringt Leistungssteigerung in jeder Hinsicht
und vergrößert sowohl Freiheit als auch Sicherheit und Perfektion der Künstler und damit auch den Kunsteindruck beim Zuhörer.
6. Auswendig konzertieren Interpreten, vor allem Pianisten, besonders gern, wenn sie in einer Saison das gleiche Konzertprogramm viele Male wiederholen. Aber im Ernst: welcher ernsthafte Künstler, ernst genommen
werden wollende neuzeitliche Künstler, will das schon? Wer zwanzig Mal im Leben die Mondscheinsonate gespielt hat, wird sie wohl auswendig können - aber sollte man sie wirklich zwanzig Mal im Leben spielen und sich dabei zu Tode
langweilen?
7. Das Spiel ohne Noten hat dort seinen Platz, wo es keine Noten gibt: bei der freien Phantasie oder Improvisation. Außerdem kann aus pädagogischen Gründen Auswendiglernen nötig werden. Und es spricht natürlich
keineswegs etwas dagegen, die eine oder andere Beethoven-Sonate, einige Chopin-Etüden oder etwas aus dem Wohltemperierten Klavier im Gedächtnis zu haben.
8. Die Dichterin Bettina von Arnim tadelte das zu ihrer Zeit in Mode kommende öffentliche Auswendigspiel einiger Pianisten als Selbstüberheblichkeit. Nach anderthalb Jahrhunderten musikalischer Untugend sollten
wir wieder den Respekt vor der Musik unserer großen Meister und ihrer Niederschriften neu lernen. Lernen wir - Notenlesen!