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WOLFGANG WELLER
DIE FEUERWORTE DES HELIOS
TEIL II: 1990 - 2006
Vorbemerkung:
Der Autor nimmt begründeten Widerspruch zu den hypothetischen Apophthegmata des Sonnengottes gerne entgegen und freut sich über eine angemessene Widerlegung. Dabei wüßte er wie in der Musik auch in der Philosophie
eine heitere Färbung des Gedankens zu schätzen. Über die meisten dieser Apophthegmata ließe sich wohl ein eigener Essay verfassen. Die Anregung durch Zuspitzung des Gedankens zum jeweils eigenen kritischen Nachdenken beim Leser ist dem
Autor wichtig. Nützlich wäre es zudem, diese Fähigkeit des Nachdenkens an den Texten von Hölderlin, Schopenhauer und Nietzsche, auch Ernst Jünger geschult zu haben. Zudem wäre ein gewisser Grad von Dandysmus in Haltung und Denken von
Vorteil. info@wellermusik.de
(Teil I / 1976 – 1988)
1. Die Musen gehen nicht auf die Straße.
2. Symptom des Orientierungsverlustes: Seine Ernährung nach hygienischen und physiologischen Maßstäben orthorektisch auswählen und zugleich seine musikalische Nahrung aus den Abfallresten der
Mülltonnen beziehen. → 24.
3. Nur der Künstler setzt den Maßstab.
4. Anspruch: "Musik muss mir Spaß machen!" - Replik: "Dann musst du Spaßmusik machen!" (Komparativ zu spaßig: spastisch)
5. Das gute Vorbild hat den passenden Abstand.
6. Nur ein Starker kann glaubwürdig und wirkungsvoll auf der Seite der Schwachen stehen. → 30.
7. Wer wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, hält zunächst seine Sinne nach außen hin offen.
8. Anspruch: “Ich bin nach allen Seiten offen (open minded).” Replik: “Das läßt auf seelischen Durchlauf schließen.” Damit verbunden der Orientierungsverlust.
9. Das Weib ist, wozu es sich durch die Fantasie des Mannes machen lässt.
10. Die Weibchen mögen weise Männer - nicht.
11. Angemessene Behandlung für Besserwisser und Rechthaber: ihnen ihr Recht lassen - eine Strafe, von der sie zu ihrem Glücke oft nichts ahnen.
12. Jede Art Parteinahme birgt ein Moment der Ungerechtigkeit.
13. Dummköpfe nennen den Klugen arrogant - das ist ihr Alibi.
14. Mangelnde Autorität der Vorgesetzten verdirbt den Charakter der Untergebenen.
15. Dualismus: Wer sich nicht auf den Krieg versteht, versteht sich auch nicht auf den Frieden - vice versa.
16. Trauer: eine Art Wut über den Verlust eines vermeintlichen Besitzes.
17. Eigensucht: eine Form der Existenzangst. Mit ihr verwandt die Modesucht der "Selbstverwirklichung", der vor allem die Weibchen anheimzufallen geneigt sind. Diese überspielt und tarnt die
Eigensucht. Aus ihr resultiert, besonders wahrnehmbar am Ende von Kulturen und Epochen, ein Verlust der Fähigkeit, sich zuzuneigen.
18. Die Griechen wußten, warum sie die Ehefrauen im Hause hielten: Frauen, die inspirierten, heiratete man nicht. Die Hetären inspirierten. Für den Drang des musischen Menschen zum Hetärenhaften
kennt man Beispiele. Der Musensohn ist für die Ehe, noch dazu, wenn sie monogam verstanden wird, allzu anarchisch veranlagt.
19. Wenn sich die Mißratenen Künstler nennen, so ist damit eine inflationäre Tendenz des Begriffes verbunden. Zugleich retiriert der eigentliche Künstler und hält sein Kapital zurück.
20. Krieger und Künstler: Beide verabscheuen die Zudringlichkeit und potentielle Übermacht des Materials. Der Krieger verabscheut den Einsatz von Maschinengewehr und Düsenflugzeug. Der Künstler
verabscheut den Einsatz elektrischer Apparate. Beide besitzen weder Automobil noch Telephon.
21. Der Hohe steigt, will er wirken, herab.
22. Der Künstler muss kriegerische Eigenschaften entwickeln, will er wirken. Denn der Weg vom Parnass herab wird von Gesindel belagert.
23. Indispensabel für den Künstler und Vollmenschen: Leben außerhalb der Moral und ihrem notwendigen Schatten, der Unmoral. Den moralischen Maßstab benötigen die Halbmenschen zur rechten
Erhaltung ihres Höhlenlebens.
24. Das zudringliche Kennzeichen der Abfall-Musik und ihrer Vertreter sind die perfekten 'Public Relations’.
25. Die Laudatio eines Kunst-Professors erhebt ein Machwerk nicht zum Kunstwerk.
26. Wer immer nur nimmt, vermag nicht zu empfangen.
27. Wenn Rache sich aus Generosität und Noblesse zusammensetzt, gerät sie zur Tugend.
28. Die drei Erbfeinde des Künstlers: Schulmeister, Bonze und Journaille.
29. Wer allem, was auf zwei Beinen läuft, den Ehrentitel 'Mensch' zuerkennt, unterliegt einer optischen Täuschung. Das Bild wirkt stärker als das Sein. Deshalb neigt man in sich
freiheitlich nennenden Staatsordnungen dazu, sogar den Unmenschen menschlich zu sehen. Daher rührt das abnehmende Unterscheidungsvermögen zwischen Verbrechen und Krankheit.
30. Der Mißratene mißtraut der Macht des Starken zu seinem eigenen Nachteil.
31. Nicht jedes Problem eignet sich für einen Lösungsversuch: zuweilen bringt die Zerstörung des Problems die gewünschte Reinigung.
32. Die Toleranz ist dem Respekte hinderlich.
33. Kunst ist ihrer Natur nach aristokratisch. Der Versuch, sie zu demokratisieren, läßt sie am Ende in die Putzeimer der Hausfrauen und die Bierkrüge der Biedermänner fallen.
34. An die Musik-Erläuterer: Wer musikalisch etwas zu sagen hat, der halte zuallererst das Maul - es sei denn, er wäre Sänger!
35. Eín Kennzeichen des Kunstwerkes ist es, einzigartig zu sein.
36. Demokratische Definition: Kunst ist, was die meisten mögen und das meiste Geld einbringt - weniger dem Künstler, sondern dem der sie verkauft.
37. Künstler an die Demokraten: Es ist noch kein Kunstwerk durch Mehrheit der Stimmen bestimmt!
38. Der Philosoph verdient seinen Titel nicht, der sich zu einer bestimmten philosophischen Richtung bekennt. Vollends peinlich wird für ihn das Bekenntnis zu einer bestimmten Religion.
39. Gewisse “Musik”-Stile können nicht existieren ohne die Zufuhr elektrischen Stromes. Sie sind Erfindungen unmenschlicher, dunkelmächtiger Technokraten und Scharlatane. Die kulturelle
Wirkung ist die Barbarisierung und Verwahrlosung ganzer Bevölkerungsschichten, die das Gehör und die Orientierung verloren haben. Mit diesen Beschränkten ist kein Gespräch möglich. Man kann sie allenfalls für sich arbeiten lassen.
Adnote:
Pindar, 1. Pythische Ode, v. 25-27 in Friedrich Hölderlins Übersetzung, Fassung aus den Segmenten, zitiert nach FHA, XV, p. 366/367:
“Die aber nicht liebgehabt Zeus Denen ekelt an der
Stimme Der Geistergöttinnen, auf dem Pierion blasend.”
40. Der barbarischen Lärm- und Bilderflut der Endzeit sich zu widersetzen absorbiert immer mehr Energie der wenigen verbliebenen Edlen. Ist das die Absicht der Fellachen? Remedium: alles widerstandslos
durch sich hindurchgehen lassen. Dagegen die Flucht: die wäre Feigheit.
41. Ein Zeichen der Endzeit und des kulturellen Zusammenbruchs: die öffentliche Zurschaustellung baren Ekels durch Theater- Opern- und Filmregisseure. Regisseure des Ekels. Die Subvention durch
öffentliche Mittel des demokratischen Staates läßt Rückschlüsse auf dessen maroden Zustand zu. Die Mißratenen jubeln auch hier. Ekelmenschen.
42. Deutsche Frauen der Endzeit: “Mein Bauch gehört mir!” Angemessene Replik: “Na, dann behaltet ihn auch mal schön für euch allein!” Anschließend der Gang in ein ausländisches
Lupanar.
43. Die Emanzen der Endzeit zogen sich eine Generation von hündischen Männern heran. Resultat waren zwei Geschlechter von Unbefriedigten, emotional Kastrierten.
44. “Ich liebe Musik!” - “Wieso hörst du dann Musik beim Autofahren?”
45. Deutsch-Nacht.
46. Aggression: zerstörerisches Herangehen.
47. Die Informationsflut erzeugt keine Wissensflut beim Einzelnen. Er muss im Gegenteil immer mehr Informationen glauben. Die Abnahme echten Wissens ist die mögliche Folge. Nachtrag 2009:
Der Informationsflut folgt konsequent die Informationszensur. In der Folge darf man keiner Information mehr vertrauen. Dieser Vertrauensverlust wiederum kann die Staaten in ihren Grundfesten erschüttern.
48. Ein Wesenszug des Künstlers ist sein Streben nach Vollkommenheit in dem Bewußtsein, sie nie zu erreichen - sie nie erreichen zu dürfen. Die Natur ist unvollkommen und ermöglicht durch Brüche in der
Ebenmäßigkeit von Strukturen und Gesetzmäßigkeiten überhaupt erst das Entstehen von Kosmos und Leben. Die Perfektion an sich ist steril.
49. Anleitung zur Übernahme der Weltherrschaft: Überlasse die Völker der Selbstregierung und warte, bis dadurch ein amorpher Pöbel entstanden ist. Konzentriere das Kapital der Welt auf dich und
deine kleine Organisation und mache diese Völker von ihm abhängig. Sorge für ein Nachrichtenmonopol und nehme den Menschen das Nachdenken ab durch Infotainment. Infantilisiere die Menschen durch krude Talkshows und schwachsinnige Daily
Soaps im Fernsehen. Zur Destabilisierung menschlicher Beziehungen verbreite mit Hilfe von Psychologen den Aberglauben, zu Liebe, Erotik und Sex gehöre unabdingbar Aggression. Zur Überwachung jedes Individuums verbreite unbemerkt
milliardenfach Mikrosender. Eliminiere störende Volksgruppen durch neu entwickelte Viren und ähnliche Segnungen der Postmoderne und sprich von einer neuen Weltordnung, in der es die Überlebenden besser haben werden als je zuvor.
Behaupte, ein vom Menschen verursachter katastrophaler Klimawandel stünde bevor und stelle diesen zum Anlaß vor, die neue Weltordnung beschleunigt herbeizuführen.
50. Am stärksten ausgeprägt scheint der Wille zur Macht bei den Technokraten. Sie nehmen die Haltung der Titanen ein. Da sie vom Mythos nichts mehr wissen, haben sie von ihrem Ende keine Vorstellung.
51. Pressezensur. Die Presse zensiert Personen und Ereignisse. Wer zensiert endlich die Presse?
52. Der Wille zur Macht: Ausdruck purer Existenzangst.
53. Umgang mit Machtmenschen: nötigenfalls in die Schranken weisen, dabei sein Mitleid für sich behalten.
54. Bedenkenträgertum und Demokratismus verhindern am Ende jede Verbesserung im Sozialgefüge einer Gesellschaft.
55. Der Gott, dem etwas an der Menschheit gelegen ist, muß zuerst deren Gegner kennen und benennen, um erfolgreich auf ihrer Seite stehen zu können.
56. Kosmos: schmuckvolle Ordnung.
57. Aufgehoben im Schönen und Guten.
58. In gewissen Kreisen gelten Musiker als intellektuell, wenn sie nur Noten lesen können und womöglich noch ihr Instrument zur Not beherrschen.
59. Es läßt sich im 21. Jahrhundert nicht mehr über künstlerische Qualitäten sprechen. Der Dialog und die früchtetragende Kontroverse scheitern an der Arroganz, mit der die subjektiven Gefühlchen
vorgestellt und verteidigt werden: stupides Amateur- und Laientum, von dem mittlerweile alle Bereiche betroffen sind. “Dagegen kämpfen selbst Götter vergeblich”.
Epilog
60. Das vor fünfunddreißig Jahren Geahnte und Absehbare in Kunst und Volk ist eingetreten. Es half keine Art von Gefecht, doch hat man seine Pflicht getan. Die Starken schufen sich ihr Refugium
und pflanzen dort heiter ihre Apfelbäumchen.
Die folgenden Jahre werden der Formulierung des dritten und letzten Teiles der ‘Feuerworte’ gehören. Mit ihm wird der Kulturkritik der letzten dreißig Jahre des Autors der Ansatz zur Lösung der
angesprochenen Problematik an die Seite gestellt werden. Die Feuerworte II/56, 57 weisen bereits einen Weg.
WOLFGANG WELLER
DIE FEUERWORTE DES HELIOS
TEIL III: seit 2007 als work in progress
1. a. Niemand hat das Besitzrecht an der ultimaten Waffe. 1. b. Kein Besitzer der ultimaten Waffe hat das Recht, anderen den Besitz
der ultimaten Waffe streitig zu machen.
2. a. Aus Heloten werden keine Spartaner. 2. b. Doch gibt es Fälle, in denen ein Spartaner zum Heloten degeneriert, weil
er sich mit Heloten gemein machte - eine Form von Asthenie oder
gar Geisteskrankheit. 2. c. Homer tat nicht ohne Grund dem begleitenden Genossen des Thersites, Asthenes, keine
Erwähnung.
3. a. Völker, die schnell und leicht durch Harmlosigkeiten zu beleidigen sind: als Schild
tragen sie ihre Religion und ihr vermeintliches Zu-Kurz-Gekommen- Sein in der Weltgeschichte voran. b. Man sollte diese geistige Behinderung mancher Völker
ernst nehmen und ihnen zugleich klar machen, dass sie deswegen keine Sonderstellung in der
Völkergemeinschaft beanspruchen müssen. c. Denn sie werden doch wenigsten von ihren eigenen Göttern geliebt.
4. Das Glück, keiner Philosophie, keiner Ideologie und keiner Religion folgen zu müssen, darf in die Welt kommen – nachdem
sich die Unglücklichen gegenseitig eliminiert haben.
5. Der „Smalltalk“ kann ein probates Mittel zur Erzeugung von mentaler Distanz zum Gegenüber sein.
6. a. Der Künstler von Rang zeigt nicht, was er kann, sonst würde er die
Aufmerksamkeit auf sich anstelle auf das zu vermittelnde Kunstwerk richten. b. Der Artist hingegen schreitet
beifallheischend in die Zirkusarena.
7. Auch für Leute, die sich nur an dem mit Musik verbundenen Geräusch
delektieren, darf es angemessene akustische Absonderungen geben.
8. Die Notwendigkeit zur Mobilität ist dem Eigentlichen hinderlich.
9. Nicht das zur Geburt Drängende hindern!
10. a. Mangel an Noblesse drückt sich im Drang zur Velocität aus. b. Der Sklave muss sich beeilen.
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